Der Netzökononom der FAZ – Holger Schmidt – hat unlängst in seinem Beitrag berichtet, dass „ein Drittel aller Twitter-Links in Deutschland auf klassische Medien verweist.“ „Twitter-Nutzer verweisen in einem hohen Maße auf Inhalte, die aus klassischen redaktionellen Medien stammen“ bestätigt der im Beitrag genannte Axel Maireder in seiner Twitter-Studie. Warum dies der Fall ist, wird im Beitrag nicht ausdrücklich erklärt. So „leiten Facebook und Twitter Leser auf Nachrichtenseiten weiter“ und die Medienindustrie freut sich darüber.
Nun sind wir in der Wissenschaft ja darum bemüht, tagtäglich Erklärungen für Phänomene zu finden, welche wir zuvor entdeckt haben. Gerne nutzen wir dafür bestehende Theorien und Modelle - bzw. entwickeln einfach neue, falls wir in der Literatur nicht fündig werden. So habe ich mich nun auf die Suche nach einem Erklärungsversuch gemacht, warum ein Drittel aller Twitter-Links auf klassische Medien verweist.
Der Ausgangspunkt für meinen Geistesblitz war jedoch eine spontane Erinnerung an eine Vorlesung an der Universität Graz (lange ist es inzwischen her) von Professor Wolf Rauch. Professor Rauch hat in der VO Informationswissenschaft von einem interessantem Theorem – dem Matthäus Effekt gesprochen. Umgangssprachlich sagt dieser Effekt, „wer hat, dem wird gegeben“. In der Wissenschaft ist er dieser Effekt auch im Rahmen der Zitationsanalyse relevant.
Der Matthäus Effekt ist generell mehr als brauchbar, weil er sehr viele Phänomene erklären kann. So kommt man mit diesem Effekt und dem Pareto Prinzip (80:20 Regel, Power Law, ..) bei der Erklärung von Phänomenen ganz gut durchs Leben.
Der Matthäus Effekt ist generell mehr als brauchbar, weil er sehr viele Phänomene erklären kann. So kommt man mit diesem Effekt und dem Pareto Prinzip (80:20 Regel, Power Law, ..) bei der Erklärung von Phänomenen ganz gut durchs Leben.
Doch nun zurück zur Erklärung des Twitter-Phänomens:
- Klassische Medien wie beispielsweise die FAZ zeichnen sich dadurch aus, dass sie über viele Leser verfügen – und meist auch über weit mehr Leser und weit mehr Reichweite, als der typische, fleißige, private Twitterianer oder Blogger.
- Ein etabliertes klassisches Medium kennen demnach auch per se weit mehr Menschen, als den Twitterianer oder Blogger. Eine über ein klassisches Medium (erst)verbreitete Information hat demnach auch eine größere Chance, dass sie ein beliebiger Twitterianer aufgreift und weiterleitet, als es eine Information eines anderen (unbekannten) Twitterianers hat.
- Damit ist es nur verständlich und auch nachvollziehbar, dass in der Informationsverbreitung und Informationsweiterleitung über Twitter ein großer Teil der Informationen (der nicht echte Konversation ist) auch aus den klassischen Medien stammt, die ja einen großten Teil der Inhalte produzieren und über Twitter weiter verbreitet wird.
- Und Matthäus würde heute vielleicht sagen: Denn, wer (im Web) bekannt ist, wird noch bekannter. Und wer (im Web) viel Reichweite hat, dem wird noch mehr Reichweite gegeben. Und wer (im Web) viel Geld verdient, der wird noch reicher.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich auch an einen Beitrag, den ich einmal in meinem Blog geschrieben habe und in dem es darum geht, „wann man jemand im Web ist“. Ergänzend sei an dieser Stelle auch auf diesen alten Beitrag zu Online vs. Offline Reputation hingewiesen. In diesem Sinne freue ich mich über viele Tweets und Mentions zu eben diesem Beitrag ;-)
Man könnte auch meinen es ist einfacher, bereits bestehenden Content zu verlinken als selbst welchen zu generieren ;)
AntwortenLöschenDas bestimmt - nur die Frage war ja, warum eben soviel Content aus dem Medienindustrie verlinkt wird - im Vgl. zu weniger UGC.
AntwortenLöschenAppropos: Wenn wir eine Community sind und uns immer gegenseitig verlinken @mentioning und RTweeten, dann nutzen wir diesen Effekt auch aus ;-)
Wenn du als weiteren Faktor das Phänomen der Echokammer hinzufügst, sowie ein Limit gleichgesinnter Echokammerbewohner je nach Kernidentität, ergeben sich schon Modelle aus denen du mögliche Zuwachsraten errechnen könntest.
AntwortenLöschenSocial Media Fuzzis versammeln eine Heerschar weiterer Social Media Fuzzis um sich herum, aber können mit ihren Inhalten kaum Nichtmarketer nachhaltig beeindrucken. Fußballtwitterer auf der anderen Seite sind weniger am bloßen Erweitern der Followerzahl um der Follower willen interessiert.
Klassische Massenmedien haben nicht nur ihren Bekanntheitsgrad sondern auch ihre Schnittmenge mit diversen Kerninteressen abgeschlossener Twitternetzwerke als Mehrwert gegenüber weniger breit aufgestellten Inhalteproduzenten als großen Vorteil.
Die mangelnde Relevanz für diverse, partikulare Echokammern jenseits der eigenen ist es, die ein Wachstumslimit für die meisten neuen Mitspieler in der Aufmerksamkeitsökonomie darstellt.
Danke für den Kommentar!
AntwortenLöschenIch merke selber, dass es für mich einfacher ist, mit Gleichgesinnten zu sprechen - und kenne dieses Phänomen auch aus der Wissensmanagement-Forschung.
Es stellt sich immer die Frage nach dem, Ziel einer (in diesem Fall meiner) Social Media Aktivität:
Als Forscher (Wissensmanagement, E20, Social Media) möchte ich Social Media verstehen. Das geht am einfachsten über die Nutzung von Social Media. Eine gute Nutzung verhilft mir dann auch gleichzeitig zu mehr Sichtbarkeit. Und diese Sichtbarkeit (in einer/seiner Community) ist für einen Forscher einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Und jetzt kommen wir wieder zum Anfang zurück: Klar, dass ich im Bestreben zu mehr Sichtbarkeit immer mit den selben Echokammerbewohnern zu tun habe. Das ist vermutlich ein Nachteil am wissenschaftlichen System - oder auch nicht, je nachdem welchen Standpunkt man vertritt.
Der Matthäus Effekt kann wohl vieles erläutern, aber kaum wirklich erklären. Deiner Analyse und der Ergänzung von erz ist sicherlich zuzustimmen. Nachrichtenmedien greifen eben sehr stark jene Themen von Relevanz für "die Öffentlichkeit" und damit für die Gesamtgesellschaft auf, die dann auch auf entsprechende Resonanz auf Twitter / Facebook etc. stossen weil es eben (fast) alle interessiert. Auf Twitter rennt dann (unter anderem) die Anschlusskommunikation zu diesen Themen, wobei die Menschen die Nachrichten (wie meine Studie ja auch zeigt) persönlich kommentieren, bewerten und mit eigenem Leben und Erleben verbinden. Da haben wir einiges an Parallelen zur klassischen Kommunikationstheorie (Two-Step-Flow etc.).
AntwortenLöschenDaneben gibt es, wie erz eben betont, auch die Nachrichten und Diskurse zu sehr spezifischen Themen, die von Interesse für kleine Teilöffentlichkeiten sind. Die Möglichkeit solche Diskurse im Netz zu führen gab es schon bei Blogs udn Foren, aber die Geschwindigkeit der Verbreitung und die Offenheit und Transparenz der Diskurse ist imho das, was Twitter ausmacht.
Vielen Dank für den Kommentar! Ich werden mir Ihre Studie auf jeden Fall nochmal detaillierter ansehen.
AntwortenLöschenFür mich ist Twitter vor allem interessant, um Links auf interessante Quellen (zB. Blogs) zu erhalten, welche nicht zu den Massenmedien gehören. Das sind dann bei mir auch solche Themen, welche nicht für die Gesamtgesellschaft relevant sind. Dass trotzdem so viele Menschen auf die klassichen Medien verweisen, hätte ich im Vorfeld zu dem Beitrag auf der FAZ(Long Tail, ..) nur bedingt vermutet und daher mit dem Matthäus-Effekt in meinem Blog einen Erklärungsversuch gestartet.